DAS THERESIENSTÄDTER FAMILIENLAGER
 
Ein halbes Jahr lang wurde ein Lagerteil des KZ Auschwitz wie ein Ghetto geführt. Am 8. September 1943 gingen zwei Transporte mit 5006 tschechischen Juden aus dem Zwangsghetto Theresienstadt nach Auschwitz. Diese Transporte wurden nicht selektiert, sondern geschlossen in einen abgesonderten Teil des Birkenauer Quarantänelagers geführt. Frauen, Männer und Kinder wurden zwar in getrennten Blöcken untergebracht, konnten sich aber innerhalb des Lagerteils frei bewegen. Die sozialen Beziehungen unter den Häftlingen blieben erhalten. Aus diesem Grund wurde dieser Lagerabschnitt auch "Theresienstädter Familienlager" genannt.

Die Einlieferungsakten waren mit dem Vermerk "SB (Sonderbehandlung = Vergasung) - sechs Monate" versehen, das heißt die Insassen des Familienlagers wurden sechs Monate über die Bestimmung ihres Lebens getäuscht, da sie von diesem Vermerk nichts wußten und durch die verhältnismäßig gute Behandlung glaubten, am Leben gelassen zu werden.

Die tschechischen Juden wurden keinen Arbeitskommandos zugeteilt, konnten Pakete empfangen, hatten Schreiberlaubnis - es wurde sogar verlangt, daß sie ihre Angehörigen verständigten. Trotz der bevorzugten Behandlung starben in diesen sechs Monaten 1.140 Menschen in diesem Lagerabschnitt. Als die gesetzte Frist abgelaufen war, wurden die am Leben Gebliebenen am 9. März 1944 in den Gaskammern getötet.

Das Theresienstädter Familienlager konnte als Inszenierung der SS für die Außenwelt gesehen werden.

Die Funktion des Familienlagers bestand darin, die Bevölkerung des Ghettos in Theresienstadt zu beruhigen und die Vorzeigefunktion zu bewahren. Des weiteren sollte ein "Klein-Theresienstadt" in Birkenau aufgebaut werden, um das Internationale Rote Kreuz zu täuschen, das seinen Besuch angekündigt hatte.

Nach dem erfolgreichen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes in Theresienstadt, teilte das RSHA dem Deutschen Roten Kreuz, dessen Chef der Leiter des WVHA der SS Oswald Pohl war, mit, daß ab sofort Pakete nach Auschwitz-Birkenau nicht mehr weitergeleitet würden. Das Lager wurde Ende Juni / Anfang Juli 1944, nachdem die Dezember-Transporte in einer zweiten großen Vergasungsaktion getötet worden waren, aufgelöst. Die Täuschungsaktion war einerseits offenbar erfüllt, aber andererseits durch die Berichte geflohener Häftlinge kaum mehr länger aufrecht zu erhalten.